Therapieformen bei Angststörung ‒ Hilfsmöglichkeiten für Betroffene
Eine Angststörung oder Angsterkrankung ist eine psychische Erkrankung, bei der Angstgefühle übermässig stark, häufig und oft ohne klaren Auslöser auftreten. Betroffene erleben anhaltende Sorgen oder Panik, die über Wochen oder Monate bestehen können. Häufig beginnen sie, angstauslösende Situationen zu vermeiden – im Extremfall kann das zu einem stark eingeschränkten Alltag oder sogar zu sozialer Isolation führen.
Erscheinungsformen, Symptome und konkrete Hilfsangebote finden Sie hier: Was ist eine Angststörung? Symptome und konkrete Hilfe für Betroffene
Dieser Beitrag soll Ihnen Orientierung geben, um die passende Therapieform für Ihre Angststörung zu finden.
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Welche Therapieform bei Angststörung ist die richtige für mich?
Die Therapieform bei einer Angststörung, hängt von mehreren Faktoren ab. Entscheidend sind vor allem die Schwere der Erkrankung, Ihre persönlichen Vorlieben sowie die Zeit, die Sie in die Behandlung investieren können. Auch die möglichen Kosten und die Wartezeiten auf bestimmte Therapieplätze spielen eine wichtige Rolle bei der Auswahl.
Grundsätzlich wird eine medikamentöse Behandlung nicht als Standardtherapie empfohlen. Studien zeigen, dass eine kognitive Verhaltenstherapie (KVT) die wirksamste Form der Behandlung darstellt. Dennoch sollte die Entscheidung nicht als Frage von «entweder oder» betrachtet werden. In vielen Fällen kann eine Kombination aus psychotherapeutischer und medikamentöser Behandlung sinnvoll sein, um die bestmögliche Unterstützung zu gewährleisten.
Psychotherapeutische Behandlung von Angststörung: Empfehlung nach Art Angsterkrankung
Die Wahl der richtigen psychotherapeutischen Behandlung hängt stark von der Art der Angststörung ab. Grundsätzlich gilt die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) als erste Wahl für die meisten Angststörungen. Sie umfasst verschiedene Bausteine wie Psychoedukation (Informations- und Schulungsangebote für Betroffene und Angehörige), Exposition mit Reaktionsmanagement (gezielte, begleitete Konfrontation mit angstauslösenden Situationen oder Gedanken) sowie psychosoziale Unterstützung, zum Beispiel Hilfe in schwierigen Lebenslagen oder bei der Entwicklung von Strategien zur Selbsthilfe.
Therapieform bei Generalisierte Angststörung (GAS):
Bei einer generalisierten Angststörung wird in der Regel eine kognitive Verhaltenstherapie (KVT) empfohlen. Sie hilft Betroffenen, ihre Ängste besser zu verstehen, belastende Denkmuster zu verändern und den Umgang mit Angst auslösenden Situationen schrittweise zu trainieren.
Therapieform bei Panikstörung und Agoraphobie («Platzangst»)
Auch hier gilt die KVT als bevorzugte Therapieform. Wenn diese nicht ausreichend wirksam ist oder von Patient:innen nicht gewünscht wird, kann eine psychodynamische Psychotherapie eine Alternative sein.
Diese Therapieform orientiert sich stark an individuellen Lebenserfahrungen und zielt darauf ab, unbewusste Konflikte zu verstehen, die zur Entstehung der Ängste beitragen.
Bis zum Beginn der regulären Therapie oder als begleitende Unterstützung können Internetintervention sinnvoll sein. Diese haben in den letzten Jahren in der Schweiz stark zugenommen, sollten jedoch nicht als vollständiger Ersatz für den persönlichen Austausch mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten verstanden werden.
Therapieform bei Spezifische Phobien
Bei spezifischen Phobien, wie etwa Höhenangst, Flugangst oder Spinnenphobie, wird häufig eine Expositionstherapie (Konfrontationstherapie) durchgeführt – ein zentrales Element der KVT. Dabei werden Betroffene gezielt und schrittweise mit den auslösenden Reizen oder Situationen konfrontiert, bis die Angstreaktion abnimmt.
Neben realen Konfrontationen kommen zunehmend auch virtuelle Realitäten (VR) zum Einsatz. Diese Methode hat sich als wirksam erwiesen und ermöglicht ein sicheres, kontrolliertes Training, zum Beispiel bei Höhen- oder Flugangst.
Zusammenfassung: Welche Therapieform, bei welcher Angststörung?
| Art der Angststörung | Empfohlene Therapie | Erklärung | Alternative / Ergänzung |
|---|---|---|---|
| Generalisierte Angststörung (GAS) | Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) | Vermittelt Wissen über Angst (Psychoedukation), Übungen zur Konfrontation mit Ängsten, Strategien zur Selbsthilfe. | Achtsamkeitsbasierte Verfahren (z.B. MBSR), Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) |
| Panikstörung | Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) | Schrittweise Konfrontation mit angstauslösenden Situationen oder Gedanken, Abbau von Vermeidungsverhalten. | Psychodynamische Psychotherapie, Internetbasierte Selbsthilfeprogramme (als Überbrückung) |
| Agoraphobie («Platzangst») | Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) | Gezielte Expositionsübungen, um Ängste vor bestimmten Orten oder Situationen abzubauen. | Psychodynamische Psychotherapie, digitale Programme zur Unterstützung |
| Spezifische Phobien (z.B. Spinnen, Höhen, Fliegen) | Expositionstherapie (Teil der KVT) | Gezielte Konfrontation mit dem angstauslösenden Reiz, auch mithilfe von Virtual Reality möglich. | – |
| Soziale Angststörung | Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) | Training sozialer Kompetenzen, Arbeit an Gedanken und Ängsten in sozialen Situationen. | Gruppentherapie, ACT |
Wir unterstützen Sie auch bei Angststörungen
Medikamentöse Behandlung von Angststörungen
Eine medikamentöse Therapie kommt vor allem bei mittelschweren bis schweren Angststörungen ergänzend zur Psychotherapie zum Einsatz. Auf Wunsch der Patient:innen kann sie auch bereits bei leichteren Ausprägungen begonnen werden.
Zu Beginn wird ein individueller Therapieplan erstellt, der neben Medikamenten auch andere Behandlungsformen wie Psychoedukation oder Psychotherapie umfasst. Wie lange eine medikamentöse Behandlung notwendig ist, hängt stark vom Behandlungsverlauf und dem Erfolg der Gesamtherapie ab.
Für die mittel- bis langfristige Behandlung werden in der Regel Antidepressiva eingesetzt. Diese wirken nicht nur gegen Depressionen, sondern haben unabhängig davon auch angstlösende Effekte.
Benzodiazepine können ebenfalls verschrieben werden, insbesondere zu Beginn der Behandlung, um akute Symptome zu lindern und die Zeit bis zur Wirksamkeit der Antidepressiva zu überbrücken. Allerdings bergen sie ein hohes Risiko für Abhängigkeit, weshalb ihr Einsatz nur kurzfristig und nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiken erfolgen sollte.
Wichtig: Sie sollten sich nicht zwischen medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung entscheiden, sondern gemeinsam mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Ihrer Therapeutin besprechen, welche Kombination aus beiden Ansätzen in Ihrem Fall am sinnvollsten ist.
Weitere wirksame Methoden bei Angststörungen
Neben der klassischen Psychotherapie und Medikamenten gibt es eine Reihe weiterer Ansätze, die Betroffene unterstützen können. Sie werden meist ergänzend zur Haupttherapie eingesetzt und können helfen, Ängste besser zu bewältigen und Rückfälle zu verhindern.
Achtsamkeitsbasierte Verfahren
- Was es ist: Übungen wie Meditation, bewusstes Atmen oder Bodyscans, die helfen, Gedanken und Gefühle wahrzunehmen, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen.
- Wann sinnvoll: Besonders geeignet, um innere Ruhe zu finden, Ängste besser zu akzeptieren und Rückfälle vorzubeugen.
- Wirkung: Studien zeigen, dass Achtsamkeitstraining Angstsymptome deutlich reduzieren kann – teilweise so wirksam wie Medikamente.
Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT)
- Was es ist: Eine moderne Form der Verhaltenstherapie, die nicht versucht, Angst komplett zu kontrollieren, sondern Betroffenen hilft, mit schwierigen Gedanken und Gefühlen umzugehen.
- Wann sinnvoll: Besonders hilfreich, wenn Grübeln, ständige Sorgen oder Vermeidung das Leben stark einschränken.
- Wirkung: Gut belegt, vor allem bei generalisierten Angststörungen und gemischten Angsterkrankungen.
EMDR – Verarbeitung belastender Erinnerungen
- Was es ist: Ursprünglich für die Behandlung von Traumata entwickelt. Dabei arbeitet man mit belastenden Erinnerungen, während gleichzeitig bestimmte Augenbewegungen oder Klopfbewegungen durchgeführt werden.
- Wann sinnvoll: Vor allem dann, wenn Ängste mit sehr belastenden Erinnerungen verbunden sind, zum Beispiel nach einem Unfall oder einer schweren Erfahrung.
- Wirkung: Sehr wirksam bei Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), als Ergänzung bei anderen Angststörungen kann es hilfreich sein, ist aber nicht die erste Wahl.
Tiergestützte Angebote
- Was es ist: Geleitete Therapien mit Tieren – häufig Hunde oder Pferde – um Ängste abzubauen und Vertrauen aufzubauen.
- Wann sinnvoll: Besonders für Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich auf eine klassische Therapie einzulassen, oder zur zusätzlichen Motivation.
- Wirkung: Kann Ängste und Stress deutlich senken, ersetzt aber keine psychotherapeutische Behandlung.
Sport und Bewegung
- Was es ist: Regelmässige körperliche Aktivität wie Joggen, Schwimmen, Radfahren oder Spaziergänge.
- Wann sinnvoll: Immer! Bewegung unterstützt das seelische Gleichgewicht, baut Stress ab und wirkt stimmungsaufhellend.
- Wirkung: Studien zeigen, dass Sport bei leichten Angststörungen fast so wirksam sein kann wie eine Therapie – besonders, wenn er regelmässig betrieben wird.
Yoga und Entspannungsverfahren
- Was es ist: Sanfte Übungen für Körper und Geist, kombiniert mit Atemtechniken und Meditation. Dazu gehören auch Methoden wie progressive Muskelentspannung oder bewusstes Atmen.
- Wann sinnvoll: Besonders bei innerer Anspannung, Schlafproblemen oder körperlichen Symptomen wie Herzrasen oder flacher Atmung.
- Wirkung: Hilft, den Körper zu beruhigen und Ängste schneller zu regulieren.
Psychiatrische Spitex für die psychosoziale Betreuung
Wir unterstützen Sie kompetent und einfühlsam dort, wo Sie uns brauchen – ob zu Hause oder in anderen Lebenssituationen. Unser Fachpersonal ist für die psychiatrische Pflege ausgebildet und hilft Menschen erfolgreich bei psychischen Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen, nach traumatischen Erfahrungen oder bei Burnout. Sprechen Sie uns an – wir beraten und helfen Ihnen gern.
Quellen:
Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Die Behandlung der Angsterkrankungen
Was ist kognitive Verhaltenstherapie, Schweizerische Gesellschaft für kognitive Verhaltenstherapie
Angststörungen - Therapie bzw. Behandlung, Neurologen und Psychiater im Netz